Gastbeitrag zur Friday Woman Kampagne | Leben auf Umwegen

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Der sogenannte Anfang

Manchmal ist es gar nicht so einfach, einen Anfang zu finden und schon gar nicht, wenn man an keiner Stelle wirklich von „Anfang“ sprechen kann. Als ich 14 Jahre alt war kam sie schleichend. Zumindest habe ich in der achten Klasse angefangen, mal eine Diät auszuprobieren. Ich war ein ruhiger Mensch, relativ gut in der Schule und ansonsten eher unauffällig. Wahrscheinlich wäre es auch nicht weiter dramatisch gewesen, sich als pubertierender Mensch mit Diäten und seinem eigenen Körper auseinanderzusetzen. Da ich mich aber nicht mit Diäten auskannte, suchte ich im Internet danach und stieß im Laufe der Zeit auch auf Thema Magersucht. Ich schaute mir zu diesem Thema Videos auf YouTube an. In einer Kurzreportage über Essstörungen, sprachen zwei Moderatorinnen über sogenannte Pro Ana Foren, die heute gar nicht mehr so unpopulär sind, wie es um 2010 der Fall war. Ich fand die entsprechenden Seiten und las eingangs „Ana’s Brief“. Ana ist der Spitzname von Anorexia Nervosa. In diesem Brief stellt sich Ana als Freundin vor, die hauptsächlich jungen Mädchen das Gefühl geben möchte, nicht allein zu sein und viel erreichen zu können, solange man nur ihre Regeln befolgt. Aber sie möchte, dass diese Mädchen vollkommenes Stillschweigen über sie bewahren. Ansonsten könnte sie schließlich entdeckt werden und die „Freundschaft“ wäre vorbei. Ich nahm mir Ana’s Regeln und Gebote sehr zu Herzen und verlor in relativ kurzer Zeit viel Gewicht. Schnell stellten sich Symptome der Unterernährung ein. Ich fror ständig, fühlte mich schlapp und hatte keine Kraft mehr, ein schönes Leben umgeben von Menschen, die mir lieb waren, zu führen.

Meine Eltern schleppten mich zum Arzt und in diverse Einrichtungen: zu Heilpädagogen, Anlaufstellen für Essstörungen, zum Hausarzt, zum Psychologe und später auch zum Kardiologe. Das Schlimme ist, dass man als Betroffener gar nicht sieht, wie dünn man wirklich ist. In Fachkreisen spricht man von einer Körperschemastörung. Das hatte auch bei mir zur Folge, dass ich sehr lange uneinsichtig war, was die Krankheit anbelangte. Schließlich durfte ich keinen Sport mehr machen und auch die Schulbesuche wurden mir verboten. Kurze Zeit später durfte ich unsere Wohnung in Berlin gar nicht mehr verlassen und stand einsam und frierend an der Heizung. Mir war bewusst, dass mit mir etwas nicht stimmte. Mittlerweile war ich fast vollständig isoliert und in meinem Körper war jeder Funke Energie erloschen. Als mein Gewicht in den lebensbedrohlichen Bereich abstürzte, fühlten sich meine Eltern gezwungen, mich in eine Spezialklinik in Berlin-Mitte zu bringen. Hier wurde ich gezwungen zu essen. Nachdem ich Zuhause meistens gar nichts oder nur sehr wenig zu mir genommen hatte, fiel es mir ziemlich schwer, so viel Essen zu mir zu nehmen. Ich hatte eine riesen Panik davor und mir stiegen immer wieder die Tränen in die Augen, wenn mir die Krankenschwestern der Station Flüssignahrung verabreichten oder mich mit einer Sonde erpressten.

Langsame Einsicht

Eigentlich war eine Studie daran „Schuld“, dass ich zum ersten Mal wirklich glauben konnte, dass ich unter einer Essstörung litt. Kurz nach meiner Aufnahme gab mir eine Studentin ein dünnes Seil in die Hand, mit dem ich den Umfang eines Eimers so genau wie möglich mit den Augen ausmessen sollte. Das Seil passte beinahe perfekt herum. Im Anschluss daran sollte ich versuchen, den Umfang meiner Taille abzuschätzen. An dieser Aufgabe scheiterte ich und hatte noch gut einen Meter Platz, als mir die Studentin das von mir abgemessene Stück Seil um den Bauch hielt. Ungefähr eine Woche später hatte ich Körpertherapie und sollte dieselbe Übung ausführen. Allerdings wusste die Therapeutin nicht, dass ich diese Übung schon einmal gemacht hatte. Anders als beim ersten Mal legte ich das Seil nun deutlich kleiner, als ich es selbst eingeschätzt hätte, um ihr zu beweisen, dass ich wirklich zu dick war und nicht an einer Essstörung litt. Trotz dieses Vorhabens scheiterte ich erneut an dieser Übung. Diese Tatsache ließ mich tatsächlich das erste Mal stutzig werden und ich begann darüber nachzudenken, was die Ärzte, Therapeuten und mein restliches Umfeld in der Vergangenheit zu mir gesagt hatten. Ich kämpfte zwar weiterhin gegen den Zwang essen zu müssen und jede Woche mindestens 500 Gramm zuzunehmen. Gleichzeitig begann ich aber auch in den regelmäßigen Therapien auch für mich aufzustehen. Der Gedanke, abnehmen zu wollen, blieb bestehen und gleichzeitig sagte eine Stimme in meinem Kopf, dass ich gesund werden wollte. Dafür musste ich essen!

Ein langer und harter Kampf

Manchmal kämpfte ich mit den Ärzten, manchmal gegen sie. Aber umso mehr ich zunahm, desto größer wurde auch der Ekel mir selbst gegenüber und in diesem Zuge begann ich mir in meine eigene Haut zu schneiden. Ich bestrafte mich selbst dafür, dass ich so fett geworden war und ließ den gesamten Druck, der sich in mir angestaut hatte, auf diese Weise heraus. So wurde ich nach Ablauf der drei Monate zwar mit einem halbwegs gesunden Gewicht entlassen, kämpfte jedoch weiterhin gegen diese starke innerliche Beklemmnis. Mir fehlte ein gesundes Umfeld, Freunde, die mir zeigten, wie schön das Leben sein konnte. Durch die Magersucht hatte ich mich aber so weit abgeschottet, dass ich keinen Zugang mehr zu meinen Freunden fand und sie nicht mehr zu mir. Es fühlte sich an, als hätte mich jemand in einer unsichtbaren Luftblase eingeschlossen, die mich von allen anderen abschottete. Also verkroch ich mich weiterhin und quälte meinen Körper so lange mit selbstschädigendem Verhalten, bis ich wieder in einer Klinik landete. Umgeben von Menschen, die ähnliches erlebt hatten wie ich, versank ich in diesem Loch und schaffte es nicht mehr meinen Kopf über Wasser zu halten. Ich ging nur noch unregelmäßig zur Schule, verletzte mich selbst und hörte auf mit den Menschen um mich herum zu sprechen. Meine Eltern machten sich große Sorgen um mich, weil sie mitbekamen, was ich meinem Körper Tag für Tag antat. Heimlich hatten sie mir mein Tagebuch entwendet und darin gelesen, dass ich seit geraumer Zeit mit dem Gedanken spielte, noch einmal zu versuchen, mir das Leben zu nehmen.

Die Situation zu Hause wurde untragbar, sodass ich immer wieder in der geschlossenen Psychiatrie landete. Im Nachhinein verstehe ich, dass meine Eltern mich dorthin gebracht hatten. Die Behandlungsmethoden da drin waren allerdings in meinen Augen unzumutbar. Ich hasste es, wenn ich mich nicht bewegen konnte, weil ich Panik davor hatte, wieder zuzunehmen. Also hörte ich wieder auf zu essen und wurde in einen Isolierraum eingesperrt, in den die Schwestern durch ein Fenster hineinsehen konnten. Sie gaben mir Beruhigungsmittel und Antidepressiva. Vollgepumpt mit Medikamenten saß ich dort meine Zeit ab – eingesperrt wie ein Zootiger. Ich machte nicht einmal Anstalten zu versuchen, gegen dieses Ding in mir anzukämpfen. Als ich das dritte Mal dort entlassen wurde, stoppte ich das Spiel der immer wiederkehrenden Niederlage. Ich wusste, dass ich es Zuhause nicht alleine schaffte und sich das Spiel immer wieder wiederholen würde. Also nahm ich mir den Telefonhörer und rief in einer Krieseneinrichtung für Jugendliche an, die mich noch am selben Tag aufnahmen. Dort lebte ich ein paar Monate mit ca. acht weiteren Jugendlichen zusammen. Ich fühlte ich mich zwar geschützter als Zuhause, wurde aber dennoch nicht das Gefühl der inneren Unruhe und Leere los. Das einzige, dass mich noch am Leben hielt, so widersprüchlich wie das auch klingen mag, waren die ständigen Krankenhaus- und Arztbesuche. Dort wurden meine körperlichen Wunden genäht, nicht aber die Seelischen. Zusammen mit den Betreuern suchte ich nach einer therapeutischen WG, in der ich länger leben könnte.

Ich fand auch eine WG, die mir zusprach und in der auch eine Bekannte von mir bereits lebte. Ich entschied mich dazu, vorher noch einmal in eine Klinik zu gehen, die nicht lediglich zur Krisenintervention diente. Aber schon nach kurzer Zeit spürte ich, dass das für mich nicht der richtige Weg war. Obwohl die Station offen war und die Situation deutlich erträglicher, fühlte ich mich wieder eingesperrt und zu Dingen gezwungen, die ich nicht wollte. Fast wurde ich wütend, immer wieder mit Zwang behandelt zu werden. Nach nur zwei Wochen verließ ich die Station wieder und zog in die WG ein, die ich mich vorher ausgesucht hatte. Hier wurde ich liebevoll aufgenommen. Ich bekam eine Bezugsbetreuerin zur Seite gestellt, mit der ich regelmäßig sprach. Ich baute Vertrauen zu ihr, der WG und deren Strukturen auf. Ich fand Ansprechpartner bei meinem Sport, versuchte wieder regelmäßig zur Schule zu gehen und hielt mich krampfhaft an sämtliche Stützen, die mir geboten wurden. Aber ein langer Weg wäre kein Weg ohne Rückschläge.

Durch einen im Nachhinein ganz schrecklichen Zufall lernte ich einen Dealer aus Tunesien und seine Freunde kennen. Ich verletzte mich weiterhin, nahm Drogen mit meinen neuen „Freunden“ und ließ mich auf Dinge ein, die man eigentlich nicht aussprechen kann. Ich bezahlte die Drogen, die ich nahm, nicht mit Geld. Ich bezahlte sie körperlich. Mehr möchte und kann ich an dieser Stelle nicht dazu sagen. Irgendwann flog der Anfang dieser Geschichte auf, nachdem ich meiner ambulanten Therapeutin von einer Situation erzählt hatte. Sie brach ihre Schweigepflicht und unterrichtete meine WG von den Geschehnissen, die wiederum meine Eltern informierten. Ich wurde gezwungen Anzeige bei der Polizei zu erstatten und musste zu regelmäßigen Drogenscreenings bei meiner Hausärztin. Zum Glück beruhigte sich die Situation wieder relativ rasch. Ich bekam eine neue SIM-Karte, sodass ich für die Männer nicht mehr erreichbar war. Die Drogenscreenings fielen von Woche zu Woche negativ aus und ich sprach nicht mehr darüber, was passierte. Nachdem ich mich nun auch nicht mehr häufig verletzte, erhielt ich die Möglichkeit ins betreute Einzelwohnen zu ziehen.

Meine erste eigene Wohnung wartete auf mich aber ich musste mich dafür anstrengen. Ich musste ausreichend essen, durfte mich nicht selbst verletzen oder Drogen nehmen. Ich versprach, regelmäßig zur Schule und zur Therapie zu gehen. Ich schaffte das alles. Endlich wurde mir die Autonomie gestattet, die ich mir immer gewünscht hatte. Als sie mir die Wohnung endlich erlaubten, nahm ich zwar wieder ab aber grundsätzlich lernte ich, mir andere Ziele zu setzen. Es warf mich sehr zurück, dass sich meine Eltern genau an dem Tag trennten, an dem ich in meine erste eigene Wohnung eingezogen war. Trotzdem kämpfte ich weiter. Ich hatte Ziele vor Augen, die nicht hießen, abzunehmen, Sport bis zum Umfallen zu betreiben und mir mit was auch immer das Hirn wegzupusten. Ich trainierte für den Berlin-Marathon, 42 Kilometer und ich packte es.

Das Abitur stand mir kurz bevor. Ich lernte dafür und plante danach ein Jahr nach Italien zu gehen. Als hätte jemand einen Hebel umgelegt, klappte auf einmal alles. Ich hatte die Kraft, für mich aufzustehen, mir Hilfe zu holen, wenn ich sie brauchte und ich wuchs an den Erfolgen, die ich erfuhr. In Italien half mir die Distanz mich selbst besser kennenzulernen. Nicht Friederike, die Magersüchtige und auch nicht die Friederike, die sämtliche Grenzen überschreitet. Hier versuchte ich herauszufinden, was mich ohne diese Krankheiten, die sich Magersucht, Depression und Borderline schimpften, ausmachte. Es war und ist schwer, sich nicht immer wieder auf dieses Rückgrat zu verlassen. In Krisen kann man sich leicht hinter dieser Sucht verstecken aber langfristig macht das einfach nicht glücklich. Die Sucht nimmt einem buchstäblich die Lust am Leben aber genau die ist es, für die es sich so sehr lohnt zu kämpfen!


FRIEDERIKE WENDLANDT WURDE 1995 IN BERLIN GEBOREN. IM JAHR 2014 ABSOLVIERTE SIE IHR ABITUR AN EINEM BERLINER GYMNASIUM. NACH EINEM AUSLANDSAUFENTHALT IN ITALIEN WIDMETE SIE SICH FÜR EIN HALBES JAHR EINEM STUDIUM IN KULTURWISSENSCHAFT UND ITALIENISCH AN DER HUMBOLDT-UNIVERSITÄT ZU BERLIN. WÄHRENDDESSEN ENTSCHIED SIE SICH UM UND BEGANN STATTDESSEN EINE AUSBILDUNG ALS KAUFFRAU FÜR MARKETINGKOMMUNIKATION, UM IHRER LEIDENSCHAFT, DEM SCHREIBEN, NACHZUGEHEN. IM ANSCHLUSS DARAN MÖCHTE SIE PSYCHOLOGIE STUDIEREN.

BUCH VON FRIEDERIKE WENDLANDT „LEBEN AUF UMWEGEN
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